Die Penthesilea ist ein Stück, unter dessen Oberfläche immer neue Schichten hervortreten, je nachdem, auf welche Schärfentiefe wir unsere Augen einstellen. Auch wenn Kleists eigene Seelenlage uns unbekannt wäre - der Kampf der Amazone Penthesilea mit dem griechischen Heros Achill bleibt ein großer Vorwurf. Daß er nicht in Kleists Zeit, daß er nur in der Antike zu finden war, verstand sich von selbst: Zwei gleichgestellte, im gleichen Maße handlungsfähige Menschen, Mann und Frau, in Liebe einander verfallen, doch jeder von beiden an das Gesetz ihres Volkes gebunden, das zugleich das Gesetz ihres Geschlechtes ist: Sie muß - und darf nur lieben, den die Schlacht ihr zutreibt und den sie besiegt. Ihm ist natürlich, daß die Frau ihm bedingungslos folgt; nur zum Schein kann er sich ihr für kurze Zeit ergeben, und schon dieser Vorsatz macht ihn in den Augen der Gefährten toll. Das Mißverständnis, die Verkennung regieren mit Notwendigkeit die Dramaturgie; als sollten Nord- und Südpol zueinanderkommen, als sollten die beiden Enden eines Magnets zusammengebogen werden: in der Art einer verheerenden Naturkatastrophe entladen sich die unvereinbaren Gegensätze. So gesehen ist Penthesilea ein Metapher für die hoffnungslose Trennung von Mann und Frau. Eine zweite, nahebei liegende Lesart könnte den Kampf einer Frau um ihr Recht auf individuelle Liebe hervorheben. Aber natürlich ist das Stück auch, tritt man nur einen Schritt zurück und läßt es als allgemeingültiges Muster auf sich wirken, ein geschlossenes Modell für die Verstrickung eines Menschen in unvereinbare Bedürfnisse und Pflichten, die ihn, mag er sie vernachlässigen oder strikt erfüllen, so oder so zugrunde richten müssen.
Schreibt Christa Wolf in ihrem Essay zu dem Stück "Penthesilea" von Kleist, das ich wieder entdeckt und neu zu lesen gelernt habe.
Schreibt Christa Wolf in ihrem Essay zu dem Stück "Penthesilea" von Kleist, das ich wieder entdeckt und neu zu lesen gelernt habe.
Hauswurst - am Donnerstag, 5. Februar 2004, 21:10 - Rubrik: Netzartiges